Die kleinen Momente 

Wir sitzen noch etwas müde gerade gefrühstückt unten. Es ist Sonntag und niemand sonst ist. Es regnet und wir haben gleich die erste Klasse des Tages: eine Mischung aus Hoffnung, dass keiner kommt und Lustlosigkeit  überkommt mich. Die ersten zwei Jugendlichen spähen durch die Tür und ich gucke noch verschlafen von meinem Bengali lernen auf. Dann geht es hoch in den großen Saal, indem genug Platz ist und die Ventilatoren werden angemacht. Ich fange mit den ersten zweien mit Aufwärmen an und es kommen immer mehr junge Frauen rein bis wir bald zu acht sind. Nach der Stunde ist meine Freude schon wieder mehr geweckt und so kommen einige Klassen mal Englisch mal Sport bis es sechs Uhr ist. Danach wieder ein wenig müde, aber zufrieden, sitze ich wieder unten und merke, dass es doch Spaß gemacht hat und hoffe, dass ich auch einen kleinen Funken mitgeben konnte.

Die letzten Tage überkommt mich immer wieder eine gewisse Unwirklichkeit. Damit meine ich, dass mir manchmal zwischendurch wieder bewusst wird wie unterschiedlich und merkwürdig hier alles ist und wie spannend. Dass dieses ganze Erlebnis einem wie ein Traum vorkommt. Gestern wurden wir von einem unserer Little Friends nach Hause eingeladen, weil ihr kleiner Bruder Geburtstag hatte. Also haben wir uns zu ihrer Familie in ihr Haus gesetzt und mit Luftballons aufgeblasen und die kleine zwei jährige ein wenig beschäftigt. Das funktioniert hier einfach so und wäre in Deutschland einfach undenkbar, also das eine achtjährige zwei quasi fremde neunzehnjährige zu sich nach Hause einlädt und die Mutter damit kein Problem hat. Hier spontan eingeladen zu werden und den obligatorischen Tee zu erhalten, ist aber gar nicht so unüblich. 

An manchen Tagen habe ich mich an alles irgendwie schon gewöhnt, aber es gibt auch noch Tage an denen ich immer wieder schmunzeln muss und mich piksen muss um zu sehen ob ich nicht aufwache. So unwirklich erscheint es dann. Heute Abend gab es für mich auch wieder eine bemerkenswerte Situation. Wenn wir mit dem Zug fahren, können wir unsere Räder bei einer Art indischen Fahrradwache abgeben und die bekommen dann am Ende 5 Rupien. Der Reifen meines Fahrrades war schon ein paar Tage platt und bis jetzt hatte ich es noch nicht meiner Chefin erzählt und dachte, dass es ansonsten eher komplizierter wird den Platten zu flicken. Die an dieser Fahrradwache hatten den Platten bemerkt und als wir ankamen um die Räder zu holen, haben sie mich zu einem kleinen Stand geschickt, an dem ein älterer Mann sich liebevoll um mein Rad gekümmert hat, während sich mal wieder eine kleine Traube an Menschrn versammelte um in einer Mischung aus Englisch und Bengali einige Fragen zu stellen. Nach 15 Minuten netter Plauderei und 10 Rupien (16 Cent) weniger, war mein Fahrrad wieder in perfektem Zustand. 

Solche Momente sind irgendwie magisch und besonders und auch immer wieder sehr spannend, weil man sich nie so ganz sicher ist, was genau passiert. 

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